Sammelsurium

Gespräche in der realen, virtuellen, imaginären Welt mit Erwachsenen, Kindern und anderen Wesen.

Nett


„Was murmeln Sie eigentlich die ganze Zeit vor sich hin? Sprechen Sie mit der Kaffeemaschine? Oder gar mit sich selbst?“

„Ich murmle nicht. Ich führe ein interessantes Gespräch.“

„Mit sich selbst? Sie werden alt, Frau Müller.“

„Nun, da die Beziehung mit einem selber die Grundlage für alle anderen Beziehungen ist, kann man schon, in Ermangelung eines kompetenten Gegenübers, ab und an mit sich selbst tiefgründige Gespräche führen. Es erheitert und nährt die Seele.“

„Das war jetzt nicht nett, Frau Müller. Das mit der Ermangelung. Das trifft mich tief.“

„Nett? Ich bin niemals nett. Allein diesen Begriff als ein Attribut meiner Persönlichkeit auch nur anzudenken, disqualifiziert Sie als kompetentes Gegenüber. Nett ist vielleicht der Hausmeister, wenn er die Glühbirne für mich im Flur eindreht. Obwohl das auch da nicht passt, denn es gehört ja zu seinem Job. Nett. Igggiiittt. Das fällt so in die Kategorie Er-hat-sich-stets-bemüht. Nett ist Mittelmäßigkeit pur. Ich will nicht nett sein.“

„Ist ja gut. Ich habe es verstanden. Kann ich jetzt endlich meinen Kaffee bekommen?“

„Gleich, ich muss erst noch das Gespräch zu Ende führen, das Sie ja gerade willkürlich unterbrochen haben. Es wäre unfreundlich so mitten drin einfach aufzuhören. Also gedulden Sie sich bitte noch einen Moment. Sie könnten ja in der Zwischenzeit schon den Toaster anwerfen. Das wäre nett.“

Gewichtiges


"Ich bin total erkältet. Zum zweiten Mal hintereinander. Hatte die Nacht über Fieber und fühle mich wie unter Wasser, alles gedämpft und wattig."

"Frau Müller, die Welt brennt und Sie jammern öffentlich rum wegen ein bissl Schnupfen?!"

"Ja, es sind oft die kleinen Dinge, die zwickenden, individuellen Befindlichkeitsstörungen, die schon so manchen Krieg entfesselt und manche tödliche politische Entscheidung beeinflusst haben. Es ging nur nicht in die Geschichtsschreibung ein. Das wäre einfach zu menschelnd banal."

"Sie haben einen Knall, Frau Müller."

"Ne, eine Erkältung."

Abgenervt


"Wie sind Sie denn heute drauf, Frau Müller?!"

"Unfair, ungerecht, gereizt, abgenervt, zynisch, ... ... ."

"Okay, okay, ich habe es verstanden."

"Verstanden? Sie habe gar nichts verstanden! Denn wenn auch nur ein Hauch von Verständnis durch Ihren alten Kopf flüstern würde, dann wäre meine Kaffeetasse schon voll, das Brötchen geschmiert, der Einkaufszettel vollständig und! Sie würden nicht so dämliche Fragen stellen!"

"Möchten Madame vielleicht, dass ich ihr Brötchen mit Ehrerbietung vorher einspeichle?"

"Sie spielen gerade mit Ihrer körperlichen Unversehrtheit, Sir! Ich höre das hauchdünne Eis unter Ihren Füßen schon vorfreudig knistern."

Babypause


„Wo ist eigentlich die junge Frau, die immer so freundlich beim Bäcker bediente?“
„Die macht Babypause.“
„Baby was?“
„Babypause.“
„Sie wissen schon, was eine Pause ist, oder?“
„Natürlich.“
„Und das bringen Sie tatsächlich in einen sprachlichen Zusammenhang mit der Versorgung eines Babys?“
„Ähm.“
„Genau. Sie hatten wohl damals sehr wenig damit zu tun.“
„Ich war ein toller Vater, Frau Müller!“
„Jupp, in den Pausen nehme ich an.“



Pause: Unterbrechung einer Tätigkeit. Synonyme -> Ruhezeit, Unterbrechung, Rast
Sprache macht etwas mit unserem Bild von Welt.

Deswegen


„Wie kann man denn über so banale Dinge schreiben, wie den ersten Schnee, das Zahnen des Kleinkindes, die Freude über eine Postkarte, den Genuss des ersten Schluckes Kaffee in frühen Morgenstunden, das Plappern der Spatzen im Vogelhaus und ähnliche Dinge, wenn da draußen Kriege toben, Menschen verhungern, ersaufen, niedergemetzelt werden,  unter bestialischen Arbeitsbedingungen schuften, an Einsamkeit sterben?“

„Deswegen, genau deswegen. Ressourcen schaffen, aufladen. Es sind die vorgeblich kleinen Dinge, die uns nähren um der äußeren Kälte zu trotzen. Die täglichen Freuden, die Zärtlichkeiten in unserem Blick auf Welt, der liebevolle und liebende Umgang mit uns und all den Facetten unserer realen, hautnahen Umwelt sind das Bollwerk gegen all den Hass, den Schmerz, die Verzweiflung. Wie sonst sollte Hoffnung überleben und weiter getragen werden?“

Nichts geschafft


Frau: „Ich habe in den 38 Jahren meines Lebens ja bisher so gar nichts auf die Reihe bekommen!“

Ich: „Stimmt. Du bist von Drogen abhängig, sitzt im Knast, schlägst und misshandelst deine Kinder, die völlig asozial und verwahrlost sind, lebst mit einem prügelnden Ehemann zusammen, bist obdachlos, ausbildungslos, lügst und betrügst und liegst allen Leuten nur auf der Tasche.“

Frau: „Hey, spinnst du! Das bin ich alles nicht! Ich nehme keine Drogen, bin noch nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, ich liebe meine Kinder und bin und war nie gewalttätig ihnen gegenüber, sie sind sozial engagiert und haben ein glückliches Leben, den gewalttätigen Kerl habe ich schon vor langer Zeit verlassen, habe eine schöne, kleine Wohnung und einen passablen Job, von dem ich leben kann. Ich lüge und betrüge nicht und liege niemanden auf der Tasche! “

„Ach?! Nun, dann scheinst du doch sehr viel in deinem Leben auf die Reihe bekommen zu haben, oder? Also, worum geht es dir eigentlich? Was bedrückt dich?“

Warum nur kriecht das Selbstbewusstsein so vieler toller und taffer Frauen immer wieder unter der Teppichkante entlang?

Kleines Päckchen


"Öl wird teurer."
"Ja."
"Benzin wird teurer."
"Ja."
"Flüge werden teurer."
"Ja."
"Na, Begeisterung sieht aber anders aus!"
"Klimaschutz auch."