Sammelsurium

Gespräche in der realen, virtuellen, imaginären Welt mit Erwachsenen, Kindern und anderen Wesen.

Fantasie


„Ich habe Fantasie, Oma.“

„Weißt du denn, was das ist, diese Fantasie?“

„In meinem Kopf kann ich mir vorstellen, dass ich fliegen kann. Und hexen kann ich da auch. Das kannst du aber nicht sehen. Das ist Fantasie.“

Ich liebe dieses Kind.

Heiliger Geist


„Oma, Weihnachten ist wie Halloween.“

„Wie kommst du denn da drauf?“

„Na, dem Baby sein Vater ist ein Geist.“

„Aha.“

„Und der wohnt oben.“

„Wo oben?“

„Auf dem Dach.“

„Da zieht es doch.“

„Ne, der kuschelt sich an den Stern.“

„Ein Stern ist keine Sonne.“

„Wir könnten ihm ja einen Mantel schenken.“

„So einen halben?“

„Einen halben für den Geist und einen halben für das Baby.“

„Wenn du meinst.“

„Oder wir gehen auf den Flohmarkt und kaufen einen ganz Ganzen.“

„Auch eine Idee.“

„Oma.“

„Ja.“

„Das ist doch alles Quatsch.“

„Ach ja. Schnellmerkerin.“

„Ein Geist braucht doch gar keinen Mantel. Der ist doch durchsichtig und kann durch Wände gehen. Wenn dem kalt ist, dann kommt er einfach runter und legt sich neben die Heizung.“

„Dann ist doch alles in Ordnung.“

„Ja.“

„Na gut, kann ich jetzt Kaffee trinken und wach werden?“

„Klaro, Oma.“

Geburtstagskrönchen


„Da ich morgen Geburtstag habe, darf ich mir im Kindergarten ein Krönchen aufsetzen.“

„Oh, dann bist du morgen eine Königin?“

„Quatsch Oma, ich bin doch keine Königin, ich bin eine Kämpferin!“

„Ähm. Mit Krönchen?“


„Wenn Kämpferinnen gut kämpfen, dann bekommen die auch eine Belohnung. Der Onkel Saba hat ja auch so was. Das kann bei einer Kämpferin auch eine Krone sein, oder? Pokale auf dem Kopf, das wäre ja blöd.“

„Klar, vielleicht hast du die ja auch im Kampf der ollen, doofen Königin abgenommen. Manchmal müssen Königinnen auch ihre Krone verlieren. Oder ihren Kopf.“

„Den Kopf kann sie behalten, den brauch ich nicht.“

„Das ist aber lieb von!“

„Omaaaaaaa, wollen wir zusammen das Tierbuch angucken?“

„Ne, ich bin am Lesen und hab keine Zeit jetzt.“

„Aber morgen! Morgen musst du machen, was ich will, denn morgen habe ich die Krone auf und Geburtstag! Da müssen alle machen, was ich will!“

„Klar, wenn du das sagst. Pass dann nur gut auf deinen Kopf auf, Kind, pass gut auf ihn auf!“ *allerliebstlächelnd


„Oma, haben die Menschen auch Dinos gegessen?“

„Als die Dinosaurier auf der Erde lebten, da gab es noch keine Menschen.“

„Und wo kamen die Menschen dann her?“

Okay, es gibt so Fragen. Nachdem ich im Schnelldurchlauf die Evolution runterrasselte und das Kind mich nur mit einem völlig abgenervten Blick anschaute, war ich kurz, aber wirklich nur ganz kurz davor ihr die Geschichte mit der Rippe und dem Apfel hinzuwerfen. Ich glaube nun wirklich, dass dies der einzige Grund ist, warum sich diese Fabel so lange gehalten hat: Es ist eine so schöne, einfache, bequeme Antwort auf eine kindliche Frage.

Dinosprache

„Komm, wir räumen jetzt auf.“

KleinMadame murmelt irgendwas vor sich hin.

„Kind, kannst du nicht klar und deutlich sprechen?“

„Du hast dich geirrt, Oma. Das war kein Parasaurolophus, sondern ein Argentinosaurus. Das sieht man doch am Skelettaufbau.“

„Und was hat das jetzt mit dem Aufräumen zu tun?“

„Das ist aber viel wichtiger. Stell dir vor, du gehst aufs Feld und dann kommt da so ein Dino angerannt und du weißt nicht wie der heißt. Wie willst du dich denn da mit ihm unterhalten. Die sprechen bestimmt alle eine andere Sprache.“

„Die können alle Englisch. Punkt. Wir räumen jetzt auf!“

KleinMadame gibt komische Laute von sich.

„Kind, ich verstehe dich nicht!“

„Das war jetzt Englisch. Und du hast es nicht verstanden! Du musst jetzt Englisch lernen!“

„Nein, wir r ä u m e n jetzt auf!“

„Ich räume auf, Oma, und du lernst Englisch. Sonst kannst du nicht mehr aufs Feld gehen. Wegen der Dinos. Das ist gefährlich. Ohne mit denen reden zu können, ist es gefährlich!“

Okay, damit kann ich leben. 

Natürlich leben


„Natürlich leben. Das täte uns Menschen wieder gut!“
„So wie früher, meinen Sie?“
„Genau!“
„Pest und Cholera. Hungersnöte, Totgeburten, Lebenserwartung 35 Jahre. Läuse und Ratten. Die Straßen eine Kloake voll mir Krankheitserregern. Soll ich weiter machen?“
„Sie können einem aber auch jedes Frühstück verderben, Frau Müller!“
„Und Sie sollten Ihren Blick mal in die Zukunft richten und sich nicht in einer verklärten Vergangenheit verlaufen.“
„Jetzt mag ich nicht mehr mit Ihnen frühstücken.“
„Gut, dann reichen Sie mir mal ihr fertig belegtes Brötchen und gehen, ganz entsprechend des natürlichen Lebens, in den Garten und reinigen die versiffte
Biotonne von den tausend Maden.“

Kinderbilder


"Müssen Sie eigentlich, immer wenn es um Flüchtlinge und Migration geht, so herzzerreißende Kinderbilder mit hochladen, Frau Müller?"

"Ja, muss ich. Denn es geht ja um Kinder, die gerade elendig verrecken. Diese haben Namen und, aufgepasst!, Gesichter."

"Es nervt aber!"

"Schmeckt Ihnen dann Ihr Frühstück nicht mehr?"

"So ungefähr."

„Na sehen Sie, immerhin bleibt Ihnen beim Anblick der Kinder zumindest noch das Brötchen im Halse stecken. Es besteht Hoffnung. Eine klitzekleine zwar nur, aber immerhin. Immerhin."