Sammelsurium

Gespräche in der realen, virtuellen, imaginären Welt mit Erwachsenen, Kindern und anderen Wesen.


„Oma, haben die Menschen auch Dinos gegessen?“

„Als die Dinosaurier auf der Erde lebten, da gab es noch keine Menschen.“

„Und wo kamen die Menschen dann her?“

Okay, es gibt so Fragen. Nachdem ich im Schnelldurchlauf die Evolution runterrasselte und das Kind mich nur mit einem völlig abgenervten Blick anschaute, war ich kurz, aber wirklich nur ganz kurz davor ihr die Geschichte mit der Rippe und dem Apfel hinzuwerfen. Ich glaube nun wirklich, dass dies der einzige Grund ist, warum sich diese Fabel so lange gehalten hat: Es ist eine so schöne, einfache, bequeme Antwort auf eine kindliche Frage.

Dinosprache

„Komm, wir räumen jetzt auf.“

KleinMadame murmelt irgendwas vor sich hin.

„Kind, kannst du nicht klar und deutlich sprechen?“

„Du hast dich geirrt, Oma. Das war kein Parasaurolophus, sondern ein Argentinosaurus. Das sieht man doch am Skelettaufbau.“

„Und was hat das jetzt mit dem Aufräumen zu tun?“

„Das ist aber viel wichtiger. Stell dir vor, du gehst aufs Feld und dann kommt da so ein Dino angerannt und du weißt nicht wie der heißt. Wie willst du dich denn da mit ihm unterhalten. Die sprechen bestimmt alle eine andere Sprache.“

„Die können alle Englisch. Punkt. Wir räumen jetzt auf!“

KleinMadame gibt komische Laute von sich.

„Kind, ich verstehe dich nicht!“

„Das war jetzt Englisch. Und du hast es nicht verstanden! Du musst jetzt Englisch lernen!“

„Nein, wir r ä u m e n jetzt auf!“

„Ich räume auf, Oma, und du lernst Englisch. Sonst kannst du nicht mehr aufs Feld gehen. Wegen der Dinos. Das ist gefährlich. Ohne mit denen reden zu können, ist es gefährlich!“

Okay, damit kann ich leben. 

Natürlich leben


„Natürlich leben. Das täte uns Menschen wieder gut!“
„So wie früher, meinen Sie?“
„Genau!“
„Pest und Cholera. Hungersnöte, Totgeburten, Lebenserwartung 35 Jahre. Läuse und Ratten. Die Straßen eine Kloake voll mir Krankheitserregern. Soll ich weiter machen?“
„Sie können einem aber auch jedes Frühstück verderben, Frau Müller!“
„Und Sie sollten Ihren Blick mal in die Zukunft richten und sich nicht in einer verklärten Vergangenheit verlaufen.“
„Jetzt mag ich nicht mehr mit Ihnen frühstücken.“
„Gut, dann reichen Sie mir mal ihr fertig belegtes Brötchen und gehen, ganz entsprechend des natürlichen Lebens, in den Garten und reinigen die versiffte
Biotonne von den tausend Maden.“

Kinderbilder


"Müssen Sie eigentlich, immer wenn es um Flüchtlinge und Migration geht, so herzzerreißende Kinderbilder mit hochladen, Frau Müller?"

"Ja, muss ich. Denn es geht ja um Kinder, die gerade elendig verrecken. Diese haben Namen und, aufgepasst!, Gesichter."

"Es nervt aber!"

"Schmeckt Ihnen dann Ihr Frühstück nicht mehr?"

"So ungefähr."

„Na sehen Sie, immerhin bleibt Ihnen beim Anblick der Kinder zumindest noch das Brötchen im Halse stecken. Es besteht Hoffnung. Eine klitzekleine zwar nur, aber immerhin. Immerhin."

Müll


„Wir produzieren einfach zu viel Müll!“

„Ach?!“

„Ja, da muss sich was ändern. Irgendeine Idee, Frau Müller?

„Wir könnten zum Beispiel aufhören unseren Müll zu exportieren und ihn stattdessen auf Müllhalden in den Gemeinden und Städten offen lagern. So direkt neben den superneuen Steingärten der Einfamilienhäuser oder in den gentrifizierten Stadtteilen. Da käme quasi, auf ganz unterschiedlichen Ebenen und in vielfältigen Formen, Leben in die Buden.“


„Du sagst, Geld mache nicht glücklich.
Du sagst, es käme im Leben auf ganz andere Dinge an.
Du sagst, du hättest dich nun entschieden mit ganz wenig zu leben und es gehe dir gut damit.
Du sagst all dies und noch viel mehr mit einem anklagenden Ton, so als wolle ich es nicht kapieren.
Du sagst dies alles so vorwurfsvoll, als sei ich deppert und stünde auf der Leitung.


Du, mein lieber Freund, übersiehst dabei etwas ganz Wichtiges:
Du hast dich entschieden! Du hast dich für Minimalismus, eine Form der modernen Askese, entschieden, nicht für Armut. Denn du warst niemals wirklich arm und wirst es niemals sein.
Deine Familie hat Geld und Firmen und Häuser. Du bist reich.
Hast du auf all das verzichtet? Hast du deinen Reichtum verschenkt?
Nein, du verzichtest nur auf einen bestimmten Konsum, wählst einen anderen Lebensstil.



Ich kann nicht wählen, denn ich bin arm.
Ich kann mich nicht entscheiden auf etwas zu verzichten, denn da ist nichts von dem ich mich lossagen könnte.
Ich kann mich nicht für deinen Minimalismus, deine Askese entscheiden, denn dein Minimalismus, deine Askese ist immer noch wohlhabender als mein tägliches Überleben.

Also komm mir nicht mit so einem Scheiß, mein Lieber!“




„Wie steht es denn so um Ihre Sexualität und Ihre Beziehungen, Frau Müller? Haben Sie noch klare Vorstellungen, Wünsche, Sehnsüchte? Immerhin sind Sie ja nun 63, da wird es doch wohl langsam etwas ruhiger werden, oder? Da wird man doch sicher großzügiger und dankbarer, wenn sich nochmal eine Chance auf Partnerschaft ergibt, oder?“

„Ähm.“

„Ist Ihnen die Frage zu persönlich? Als Therapeutin sollten Sie das ja locker beantworten können, oder?“

„Ähm.“

„Na? Und?“

„Allereigentlich geht Sie das einen Scheißdreck an.“